12 Sep 2013

Nettiquette im Netz oder: Noch ein Grund, warum ich Menschen hasse.

13 Kommentare Das Internet geschrieben von Gesine

Alltagssituationen, von denen man die meisten schon mal erlebt hat:

  • Wenn man im Reallife in einem Offline-Geschäft Beratung braucht, stellt man eine freundlich formulierte Frage an den Verkäufer – man kackt ihn nicht gleich blöd an, weil man die Margarine nicht gefunden hat.
  • Wenn ein Bekannter beim Stammtisch fragt, ob jemand seine zwei Karten fürs Depeche Mode Konzert haben möchte, werden nicht mindestens 5 Anwesende auf ihn einfallen, wie sch***e er doch sei, weil er DM hört.
  • Wenn man Bekannten Hochzeitsbilder zeigt, wird niemand ungefragt herausposaunen, dass man in dem roten Kleid wie eine Presswurst aussieht und es werden nicht zwei weitere darauf einstimmen und ergänzen, dass die Frisur ebenso unmöglich ist.
  • Wenn man im Wartezimmer beim Tierarzt mitbekommt, dass die Sitznachbarin ihrer Katze nur Trockenfutter füttert, springt man nicht auf, nennt sie Tierquälerin und beleidigt sie als hirnlos und unverantwortlich.
  • Wenn der Kommilitone beim Vortrag das Thema verfehlt, stehen nicht nicht 2 Zuhörer auf, um „Schatzi, Du gehörst wohl nicht an die Uni“ zu sagen.

Im Reallife gibt es ungeschriebene Höflichkeitsregeln. Man verhält sich in Situationen, in denen man nicht persönlich attackiert wurde, zunächst defensiv, hört zu, geht auf den Gegenüber ein und nimmt auf seine Gefühle Rücksicht, überlegt sich, was man sagen kann und was nicht – man pöbelt nicht unkontrolliert los. Gelegentlich denkt man sich seinen Teil, aber man hält die Klappe. Anständiges Verhalten in der Offlinewelt wurde uns von unseren Eltern im Rahmen dessen, was man gemeinhin als „Erziehung“ bezeichnet, beigebracht.

Ranting Homer

Im Internet ist das was ganz anderes. Leider sind nur die wenigsten von uns in der Lage, von dem Gelernten zu abstrahieren und auf die Onlinewelt anzuwenden. Eine intellektuelle Leistung, die eigentlich im Rahmen des Machbaren sein sollte, sind doch die meisten Affen zu ähnlichen Handlungen fähig, aber sie ist es nicht.

Im Internet wird gepöbelt, was das Zeug hält – in der Regel völlig grundlos. Ungeachtet der Tatsache, dass hinter jedem Satz auch Menschen stehen, die möglicherweise ebenfalls über Gefühle verfügen könnten – wie man selbst. Da wird ohne Anlass beleidigt, schwarzweiß gemalt, von einem einzigen Satz oder Wort auf eine komplette Existenz geschlossen, gerantet und gepöbelt. Auf Fehler von anderen stürzt sich die Netzgemeinde wie die letzten Aasgeier und macht mit hemmungsloser Arroganz und Überheblichkeit denjenigen nieder, der eh schon am Boden ist. Ist ja einfach, ist geil, macht Spaß… oooohhh und dann dieses wunderbare Gefühl, sich etwas Besseres nennen zu können. Jeder meint, sich in alles einmischen zu können, jeder hält sich für den Klügsten, Geilsten, Überragendsten. Frei von jeglicher Selbst-Reflexion wird ohne Wissen dumm rumgelabert und jeder, der was anderes denkt, ist ein Idiot und bekommt es spätestens im dritten Satz auch geschrieben, inklusive der Hinweise auf die orthographisch nicht korrekte Kommasetzung.

Rant

 Da, wo im Internet Menschen zusammenkommen, die sich privat nicht oder nur kaum kennen, ist keine gesittete Konversation mehr möglich. Noch schlimmer ist es unter einer Subgruppe der Menschen, namentlich der Frauen. Die halten sich meist erst recht nicht mit Fragen auf, sondern urteilen sofort und untermalen ihre Meinung dabei gern mit herablassenden Kommentaren, die meist mit einer entwürdigenden Anrede wie „Schatzi oder Süße“ eingeleitet werden und mit „werd erstmal erwachsen“ enden. Selbst Schuld, wenn die Fragestellerin zum Thema Karottenbrei im Mamie-Forum auf ihrem Profilbild weiße Lackstiefel abgebildet hat – dann ist es ja klar, dass sie nichts über Babyernährung wissen kann, obendrein eine Schlampe ist und sicherlich auch nicht weiß, welcher Kerl ihr das Kind angedreht hat. Oh ja, das Kollektiv muss ihr das umgehend mitteilen, am besten gleich hundertfach, damit sie es auch wirklich versteht. Nach den ersten 20 Posts folgen 50 weitere mit identischem Inhalt, neben der erwähnten Anrede auch gern mit einem Rudel Ausrufezeichen verziert – Hauptsache, jede einzelne hats der doofen Threadstellerin gezeigt.
In einer Krabbelgruppe hätten sich die Damen in mehr Zurückhaltung geübt, weil ihnen die erwähnte Karottenbreifragestellerin direkt gegenüber gesessen hätte und die Meute life mit ihr hätte interagieren müssen. Unter Frauen wären Naserümpfen und verdecktes Augenverdrehen immer noch drin gewesen, aber der Höflichkeit halber hätten sie sich in Zurückhaltung geübt, möglicherweise sogar nachgedacht und mit etwas Glück wäre sogar eine brauchbare Antwort dabei rausgekommen, wie etwa die, dass Vitamin A fettlöslich ist.

ranting womenNatürlich gibt es dieses Phänomen nicht ausschließlich unter Frauen, wenngleich sich das statistische Mehrgewicht leider auf ihre Seite schlägt. Männer im Netz reagieren ebenfalls häufig in einer Art und Weise, die durchaus als nicht mehr gesellschaftsfähig bezeichnet werden kann. In einem Rennradforum nach einem Bezugsort für weiße Mäntel zu fragen, weil man damit das geliebte Fixie schmücken möchte, kann schnell mal in einem Fiasko enden – zwar ist die Bereifung bei Rennrädern und Fixies gleich, aber Fixiefahrer sind ja, wie man weiß, die letzten Idioten – was die Betroffenen auch sogleich erfahren sollen. Mit etwas Glück erbarmt sich aber nach 20 Postings ein Herr und nennt eine Webshop Adresse, schüchtern, ohne Worte, nur die Adresse, sonst nichts – er hat Mitleid, aber er will auch nicht das nächste Opfer werden.
Würde der Fixiefahrer den Rennradfahrer im Park bei einer Pause nach der Herkunft seiner Mäntel fragen, er hätte ihm einfach eine Antwort gegeben – ohne den Hinweis, dass nur Rennradfahrer die richtig Coolen sind.

Egal wo im Netz, ob in Foren, Blogs, Facebook, Twitter, überall das gleiche Bild: Jeder pöbelt, so gut wie er kann. Warum ist das nur so?

Sind wir von unserer erbärmlichen, sinnentleerten Existenz so gelangweilt, dass wir uns auf diese Art Zerstreuung suchen?
Sind unsere Egos so am Boden, weil wir freudlos durch den Alltag wandeln und nirgends Anerkennung finden, dass wir sie pushen müssen, indem wir völlig Fremde völlig grundlos bashen?
Woher kommt diese verfehlte Selbstgefälligkeit, mit der wir die Ansichten anderer unter Zuhilfename von Beleidigungen im Keim ersticken, ohne einen Hauch von Selbstkritik?
Was genau wollen wir mit so einem asozialen Verhalten eigentlich kompensieren?

I don't want to live on this planet anymore.

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Hier bin ich, die Gesine :D